Missbrauch macht Kinder stumm und lebt vom Wegschauen der Erwachsenen

Das gilt auch für den größten Missbrauchsskandal unserer Gesellschaft: Kinder und Jugendliche sind frei zugänglicher und vielfach gewalthaltiger Pornografie im Internet alltäglich ausgesetzt. Mehr als die Hälfte der 11- bis 13-jährigen Kinder hat schon Pornografie im Internet gesehen.[1] Mehr als 70 % der 14-17-jährigen Jungen (10 % der Mädchen) konsumiert mehrmals wöchentlich, 21 % sogar täglich Pornografie im Internet.[2] Ein großer Teil der Mainstream-Pornografie zeigt körperliche und verbale Gewalt, schwere Misshandlungen und die Entwürdigung von Frauen und Teenagern.[3] Manche Kinder werden bei der Konfrontation mit solchen Inhalten traumatisiert, andere gewöhnen sich an den schnellen Kick als Selbstmedikation gegen Langeweile, Frust oder Einsamkeit. Pornografie hat ein sehr hohes Suchtpotential, was zur Suche nach immer mehr und härteren Inhalten führt, zu einer hypersexualisierten Wahrnehmung anderer und zunehmend auch zu interaktivem Ausleben in sexueller Belästigung und Cybergrooming. Das Ausmaß zeigte die am 8. März 2021 ausgestrahlte RTL-Sendung "Angriff auf unsere Kinder".[4] Ein regelmäßiger Konsum fördert sexuelle Gewalt in Beziehungen und sexuelle Übergriffe unter Minderjährigen. Männliche Jugendliche, die täglich konsumieren, sind dreimal so häufig Täter von sexuellem Missbrauch wie seltenere Konsumenten und konsumieren sechsmal so häufig auch Kinderpornografie. Laut BKA waren 2019 bereits 41 % der Tatverdächtigen im Bereich Kinderpornografie unter 21 Jahren (2018: 26 %), 23 % zwischen 14 und 18 Jahren (2018: 13 %).

Doch Kinder werden durch Pornografie nicht nur häufiger zu Tätern, sie sind vor allem selbst Opfer:

  • Kinder mit pornografischen Inhalten zu konfrontieren, verletzt massiv ihre Grenzen und ist eine Form von sexuellem Missbrauch (§ 176 StGB), da hier durch Bilder, Filme oder entsprechende Reden auf Kinder nachhaltig eingewirkt wird. Entblößung und Grenzverletzungen werden normalisiert. Mädchen, die Pornografie konsumieren, nehmen sich selbst verstärkt als Sexobjekt wahr und werden häufiger Opfer von sexueller Gewalt.
  • Laut §184 StGB ist das Überlassen oder Zugänglichmachen von pornografischen Inhalten an Personen unter 18 Jahren ein Straftatbestand. Durch den freien Zugang von Pornografie ohne Altersverifikation werden diese Gesetze täglich millionenfach unterlaufen und verletzt, ohne dass in Politik und Öffentlichkeit davon Notiz genommen wird.
  • Durch die beschleunigte Digitalisierung von Schule und Kinderzimmer ohne entsprechende technische und pädagogische Schutzkonzepte und durch die Ausstattung mit mobilen Endgeräten in immer jüngerem Alter werden bereits viele Grundschulkinder mit Inhalten konfrontiert, die ihre Grenzen verletzen, ihre Phantasie vergiften und ihren Blick auf sich selbst und andere sexualisieren.
  • Durch den anhaltenden Lockdown ist der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen massiv angestiegen. Auch Pornokonsum und sexuelle Übergriffe haben stark zugenommen.

Vor diesem Hintergrund hat Tabea Freitag von return, Fachstelle Mediensucht Hannover, eine Petition mit einer Reihe von Forderungen gestartet, die für das Problem des unzureichenden Schutzes sensibilisieren soll und Politik und Gesellschaft auffordert, wirksamen Kinder- und Jugendschutz zu implementieren und effektiv umzusetzen.

Über folgenden Link gelangen Sie zur Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/digitalisierung-braucht-wirksamen-kinderschutz-vor-pornografie

Quellen:

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